“Der frühe Vogel fängt den Wurm!” – Dieses in diesem Blog oft zitierte Sprichwort traf auch heute voll den Kern der Sache. In letzter Minute wurde aus der ursprünglich geplanten Dreiecks-Aufgabe ein 116 Kilometer Zielflug. Der Westwind war für ein Dreieck einfach zu stark. Während die UL-Starter zügig in die Luft und danach auch unter die Wolken kamen, verbrachen Yeti, Frosch, Andreas und ich zunächst die Zeit damit, den während des Briefings von einem Dusty ledierten Drachen von Frosch wieder flott zu bekommen. Ein Steuerbügerlrohr musste ausgetauscht und der Kiel gerichtet werden. Mit acht Händen, einem Schraubendreher und einer Bierkiste als Hilfsmittel war der Drachen schnell wieder einsatzbereit und Frosch beruhigt. Yeti hat sich anschließend bei einem viel zu langsamen Schlepp irgendwie in die Luft gestallt und seine Flüche hallen noch jetzt über die Betonpiste.
Bei mir hat der gleitschirmgewohnte Windenfahrer zwar etwas mehr Gas gegeben, aber auch das zweite Klinkzeichen per Funk nicht beachtet, was (wie in den letzten Tagen dutzendfach geschehen) sogleich mit dem Bruch der offensichtlich unterdimensionierten Sollbruchstelle quittiert wurde. Da ich nun wirklich in Eile war (es war inzischen nach 14 Uhr) und nicht auch noch mehrere Hundert meter zurücktragen wollte, riskierte ich das Umkehrmanöver und warf das Gabelseil ab. Für einen sauberen Endanflug hat die Höhe aber nicht mehr ausgereicht und ich musste mit leichten Rückenwind und ordendlich Groundspeed einlanden. Ich war mir fast sicher, dass ich bei dem Tempo meinen Drachen schrotten würde. Kurz vor dem Aufsetzen hallten jedoch Dirk Sobolls Worte aus dem Start- und Landetraining in meinem Kopf: Bei einer Rückenwindlandung früh aufrichten und um dein Leben rennen! Danke Dirk! Hat super funktioniert! Sauschnell aber butterweich.
Nachdem sich dann auch Andreas und Frosch (am Seil nach mehr Fahrt schreiend) irgendwie in die Luft eierten, stand ich zum zwieten Versuch am Seil. Zeitgleich gesellte sich auch ein riesiges Zirrenfeld aus Westen zu mir und machte mit nicht gerade viel Hoffung für meinen Spätstart. Der Windenfahrer zauberte ganze 290 Meter Klinkhöhe aus den 1200 Meter Seil und ich war froh, nicht direkt über den Boden bis zur Klinke aufgewickelt zu werden.
Was dann folgte war ein erfolgreicher Kampf aus Wut und Verzweifelung. Auf 100 Meter Höhengewinn folgten 200 Meter Sinken. Rauf und runter … Ein halber Kreis im Steigen – ein halber Kreis im Sinken … Als ich den Gurt schon wieder geöffnet hatte, spürte ich über der Kartbahn ein paar winzige unruhige Heber, die sich nicht richtig einkreisen aber irgendwie immer wieder überfliegen ließen. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich die Kreise endlich flach und rund durchziehen und zarte 0,5 m/s herauskitzeln. Als ich das Gefühl hatte, endlich richtig hoch zu sein, laß ich auf dem Höhenmesser ganze 500 Meter ab. Das würde gerade einmal über das erste Waldstück reichen. Egal! Ich wollte nur weg!
Das Waldstück trug. Zunächst noch langsam, dann immer schneller konnte ich auf 1.000 Meter und später bis auf 1.800 Meter aufdrehen und einer kleinen Wolkenstraße folgen. Meine Laune verbesserte sich mit jedem Höhen- und Streckenmeter. Langsam aber sicher wurden jedoch fast alle Piloten von der herannahenden dunklen Abschirmung eingeholt – die zuletzt gestarteten früher, die Frühstarter später. Nicht viele Piloten kamen bis in Ziel. So war ich am Ende mit knapp 66 Kilometern recht zufrieden.
Bei einem Landebier vor der Dorfkneipe vertrieb ich mir die Zeit bis zur Rückholung mit der Beobachtung eines Storchennestes und ein paar Gesprächen mit den freundlichen Einwohnern von Kuschkow.


